NZZ-News: Ungewöhnliche Schmuck-Kreationen – mutig oder untragbar?

Überschreiten diese Schmuckstücke eine Grenze? Wirklich ungewöhnliche Schmuckkreationen werden von internationalen Designern auf der Ausstellung im Museum Bellerie ausgestellt.

 

Sie widersetzen sich sperrig dem Körper, springen von ihrer Trägerin förmlich in den Raum oder verselbständigen sich zu sonderbaren Kreaturen. Diese Schmuckstücke mögen dem ahnungslosen Besucher des Museums Bellerive erscheinen wie Ausgeburten eines von Albträumen heimgesuchten Schmuckgestalters, der sich in einer tiefen Schaffenskrise befindet. Mit hübschen Anhängseln für Ohr, Hals und Handgelenk, welche die Erscheinung ihrer Besitzerin nobilitieren, hat dieser Schmuck rein gar nichts zu tun. Was aber soll er denn sein, wenn nicht das zusammengebastelte Ergebnis eines ziemlich ausgeflippten Freestyle-Kreativitäts-Workshops in Sachen Schmuckgestaltung?

Das Experimentieren hat die Gestaltung unserer Lebenswelt stets weitergebracht. Und so verhält es sich auch beim Schmuckdesign. Ende der sechziger Jahre entwickelte sich von den Niederlanden aus eine Szene freier Schmuckgestalter, die gängige Typologien hinterfragte, ja über den Haufen warf und ihre Aufmerksamkeit auf das originelle Einzelstück richtete. Während Gold, Silber und Juwelen die bevorzugten Materialien waren, mit welchen sich Menschen über Jahrhunderte schmückten, entstanden nun plötzlich Arbeiten aus unedlen Materialien und industriellen Fertigprodukten, aus Objets trouvés und Alltagsutensilien.

Die Beurteilung eines Schmuckstücks nach seinem materiellen Wert rückte dabei in den Hintergrund. Die oft bildhauerischen Kreationen wurden als «objects to wear», als tragbare Objekte, bezeichnet. Im selben Zug wurden die Grenzen zwischen Mode, Schmuck und Kunst zusehends verwischt. Frühe Beispiele der Pioniere des Schweizer Autorenschmucks, die auf der Suche nach einem demokratischen Schmuckbegriff neue Wege beschritten, veranschaulichen den revolutionären Materialmix im Schmuckdesign. Broschen bestehen nun aus Aluminium oder Plexiglas und Stahl, Halsketten aus Holz, Ohrringe aus Eisen, Blech, ja gar Pelz, Schaumstoff, Karton und Papier.

Kombiniert mit Edelmetallen und Juwelen, entfalten solche Schmuckstücke mitunter eine wahrlich verstörende Poesie. Auch die Demontage des klassischen Schmuckverständnisses vollzog sich mit den Mitteln der Subversion.

 

Gésine Hackenberg, Kitchen Necklace, 2010.
Gésine Hackenberg, Kitchen Necklace, 2010. (Bild: Gésine Hackenberg)

Einmal entfesselt, kannte die gestalterische Avantgarde kein Halten mehr. Der Phantasie der Schmuckdesigner sind keine Grenzen mehr gesetzt. Aufs Schönste führt die Ausstellung «Entfesselt – Schmuck ohne Grenzen» in einer Art moderner Wunderkammer oder Kuriositätenkabinett die schiere Gestaltungsvielfalt zeitgenössischer Schmuckkreationen vor Augen.

Dieses Universum wird in seiner ganzen Breite auch im Obergeschoss präsentiert. Da ist vieles, das zur Reflexion anregt, vieles sauch, das wohl aus rein spielerischem Antrieb entstanden sein mag und zum Schmunzeln ist: Ein Lätzchen aus 2500 Hasenzähnen soll dem Jäger den Appetit auf seine Beute verderben. Ein äusserlich zu tragendes künstliches Hüftgelenk spielt mit Fragen von Innen und Aussen unseres Körpers, verweist aber auch auf dessen Funktion als Träger von Artifiziellem, wie es eben Schmuck ist, wie es aber ……………………..

Quelle des kompletten NZZ-Artikels: http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/zuercher_kultur/an-den-grenzen-des-ertragbaren-1.17293498

Schmuck der gefällt oder zu weit geht? Hier muss sich jeder ein eigenes Bild machen!

Ein NZZ-Video kann bei der Beantwortung dieser Fragen vielleicht weiterhelfen:

httpv://www.youtube.com/watch?v=sZexSa-GcMQ